Häufige Fehldiagnosen bei autistischen Frauen
Viele autistische Mädchen und Frauen erhalten vor einer Autismusdiagnose zunächst andere psychiatrische oder psychologische Diagnosen. Häufig genannt werden unter anderem:
Angststörungen
soziale Phobie
Zwangsstörungen
Borderline-Persönlichkeitsstörung
Schizophrenie
Dissoziative Identitätsstörung
Bipolare Störung
Anorexia nervosa oder andere Essstörungen
Trichotillomanie
Misophonie
Hochsensibilität
Diese Diagnosen beschreiben oft reale Symptome – greifen jedoch zu kurz, wenn die zugrunde liegende autistische Struktur nicht erkannt wird. Das kann zu langen Behandlungswegen führen, ohne dass sich die Betroffenen wirklich verstanden fühlen.
Nicht selten haben Familienangehörige, Freund:innen oder die Frauen selbst bereits früh die Vermutung, dass sie sich im Autismus-Spektrum bewegen könnten. Gleichzeitig besteht häufig eine große Unsicherheit oder Angst vor einer Diagnostik – insbesondere die Sorge, nicht erkannt zu werden, weil sie gelernt haben, ihr Anderssein gut zu tarnen.
Maskierung, Empathie und Diagnostik
Viele autistische Mädchen und Frauen maskieren ihr Erleben sehr früh und sehr effektiv. Diese Maskierung ist meist unbewusst und kostet erhebliche Energie. In kurzen oder stark strukturierten Untersuchungen bleibt sie häufig bestehen.
Ich führe die Diagnostik daher an einem Tag über einen Zeitraum von etwa fünf Stunden durch. Dieser zeitliche Rahmen ermöglicht es, Muster, Erschöpfung, Brüche und authentische Ausdrucksformen wahrzunehmen, die bei kürzeren Settings oft verborgen bleiben.
Entgegen verbreiteter Vorannahmen sind viele autistische Mädchen und Frauen hoch sensitiv und hyperempathisch. Sie nehmen Stimmungen, Zwischentöne und Bedürfnisse anderer sehr genau wahr – oft stärker, als ihnen guttut. Gerade diese Fähigkeit trägt nicht selten dazu bei, dass ihr Autismus lange übersehen wird.
Autismus und ADHS
ADHS wird bei autistischen Frauen häufig als „Fehldiagnose“ bezeichnet. Tatsächlich erfüllen jedoch etwa 25–60 % der Autist:innen zusätzlich Kriterien für ADHS bzw. ADS. In diesen Fällen ist die ADHS-Diagnose nicht falsch, sondern unvollständig, wenn der Autismus unberücksichtigt bleibt.
Einige autistische Frauen hatten bereits in der Kindheit eine ADHS-Verdachtsdiagnose oder -Diagnose. Im Erwachsenenalter kann sich das klinische Bild verändern, insbesondere durch Maskierung, Erschöpfung und lebenslange Anpassungsleistungen. Eine differenzierte Diagnostik berücksichtigt daher beide neurodivergenten Profile in ihrer Wechselwirkung.

Ich habe einen Fragebogen mit 100 Fragen für Frauen zur Selbsteinschätzung entworfen, ob Sie auf dem Spektrum sein könnten oder nicht. Dieser Fragebogen dient zur eigenen Orientierung und enthält keine Auflösung. 100 Fragen Aspergirls
Eine empfehlenswerte Checkliste finden Sie ebenfalls von Samantha Craft hier: https://the-art-of-autism.com/females-and-aspergers-a-checklist/
Ich habe die Checkliste ins Deutsche übersetzt Checkliste
