ADHS bei Mädchen und Frauen
ADHS zeigt sich bei Mädchen und Frauen häufig anders als bei Jungen. Entsprechend werden Mädchen deutlich seltener diagnostiziert. Die offiziell berichtete Inzidenz liegt bei etwa 1:7 – auf sieben diagnostizierte Jungen kommt ein diagnostiziertes Mädchen. Fachlich wird jedoch von einem tatsächlichen Verhältnis von 1:1 ausgegangen. Das bedeutet: Sechs von sieben Mädchen bleiben unerkannt.
Auch bei der medikamentösen Behandlung zeigt sich diese Schieflage deutlich. Bei Vorschulkindern liegt das Verhältnis bei etwa 1:16 – auf sechzehn behandelte Jungen kommt ein behandeltes Mädchen.
Im Gegensatz zu Jungen sind Mädchen mit ADHS bis zum frühen Jugendalter oft nicht auffällig im Verhalten. Schwierigkeiten zeigen sich häufig erst in der Pubertät oder im Übergang zu höheren schulischen Anforderungen. Typisch sind dann Leistungsabfälle, Probleme bei der Umsetzung von Gelerntem, ausgeprägte Ablenkbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Diese spiegeln sich häufig in unvollständigen Hausaufgaben, schwankenden Leistungen und schulischer Überforderung wider.
Diagnostik
Ich führe die ADHS-Diagnostik nach dem HASE-Test (Stand 2021) durch, der sich an den Kriterien von ICD-11 und DSM-5 orientiert. Dadurch ist es möglich, auch Frauen mit einem überwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild differenziert zu diagnostizieren – ein Profil, das lange Zeit übersehen wurde.
Begleitende Herausforderungen und familiäre Muster
Viele Frauen mit AD(H)S wurden in ihrer Vorgeschichte bereits mit Depressionen, Angststörungen, bipolarer Störung, Borderline oder Substanzmittelgebrauch diagnostiziert. Diese Diagnosen müssen nicht falsch sein – sie sind jedoch häufig nicht ausreichend, wenn die zugrunde liegende ADHS-Struktur unberücksichtigt bleibt. Es handelt sich oft um begleitende, zusätzliche Herausforderungen.
Im englischsprachigen Raum wird in solchen Fällen von „complex ADHD“ gesprochen, wenn neben ADHS weitere Belastungen hinzukommen.
Ein Screening auf ADHS bzw. ADS ist insbesondere dann sinnvoll, wenn:
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bereits ein als hyperaktiv diagnostizierter Bruder existiert
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eine Mutter oder ein Elternteil ADHS-diagnostiziert ist
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neurodivergente Merkmale familiär gehäuft auftreten
Neurodiversität im Sinne von ADHS/ADS und Autismus kommt innerhalb von Familien häufig vor. Auch in Partnerschaften finden sich nicht selten Konstellationen mit einer Person mit ADHS und einer autistischen Person.
Bei Dyskalkulie und/oder Legasthenie (auch als Teilleistungsstörungen bezeichnet) sollte ADHS ebenfalls differenzialdiagnostisch mitbedacht und ausgeschlossen werden.
Ich habe einen Fragebogen/Checkliste zur Selbsteinschätzung entwickelt für Frauen mit ADHS (diese ist nicht offiziell und ersetzt keine gründliche Diagnostik!). Diese Checkliste dient zu Ihrer eigenen Orientierung und gegebenenfalls zum Gespräch mit ihrer bereits behandelnden Psychotherapeut*in, es gibt keine Auswertung! Je mehr Fragen Sie mit „Ja“ beantworten, desto wahrscheinlicher haben sie ein kombiniertes Erscheinungsbild von ADHS 107 Fragen ADHS bei Frauen

